von Frank A. Lojewski
Gruß vom anderen Ende der Welt - CANADA/BC
Liebe Leser des TREUBURGER HEIMATBRIEFES,


hier ein Bild einer jungen Dame der "deer" Familie. An beiden Seiten ist ein Teil des Felles weggerissen. Es scheint, als ob ein jugendlicher Puma versuchte, sie in eine Malzeit zu verwandeln.

Im Allgemeinen springen die Pumas so, dass sie die Wirbel am Nacken durchbeißen. Manchmal, wenn das Reh schon rennt, versuchen sie es mit den Tatzen zu ergreifen. Ein Zeichen, dass es eine jugendliche Katze mit ungenügend Jagderfahrung sein konnte, obwohl es hier im Urwald manchmal auch für erwachsene Großkatzen schwierig ist, Rehe mit einem Nackenbiss zu erlegen.

Diesmal hatte das Reh Glück, der Puma aber kein Abendessen. So geht es hier zu, fasst wie im Bundestag.


Gruß vom anderen Ende der Welt.


Ihr Frank A. Lojewski aus CANADA/BC
Schwentainen

von Urusla Schneider - aus dem Jahr 2008
ZUHAUSE IN DULLEN
Als wir noch Kinder waren, ging kein Tag vorbei, an dem unsere Mutter nicht irgendwann einen Satz mit den Worten anfing: “ Bei uns zu Hause...“
“Bei uns zu Hause“, das war Ostpreuβen. Um genauer zu sein, Masuren. Unsere Mutter ist Dullen, einem kleinen Dorf, das zum Kreis Treuburg gehörte, aufgewachsen. Es war umgeben von zahllosen gröβeren und kleineren Seen, von Hügeln mit endlosen Kornfeldern. Im Winter lag der Schnee einige Meter hoch; man fuhr dann mit dem Pferdeschlitten, warm in Pelzdecken eingepackt, mit heiβen Ziegelsteinen unter den Stiefeln. Die Kälte konnte so grimmig sein, daβ einem augenblicklich die Hände an der Türklinke festfroren, wenn man keine Handschuhe trug. Im Sommer durfte Mutter jeden Tag barfuβ laufen, was mir paradiesisch erschien, und sie konnte jeden Tag schwimmen gehen.
Meine Schwester und ich, wir liebten die Geschichten aus Masuren. Wir liebten den Klang dieses Namens ’Masuren’ – so zärtlich und geheimnisvoll, so weit, weit weg.
Die Heimat unserer Mutter wurde uns durch ihre Erzählungen so vertraut, daβ Masuren, das Land der Seen und der dunklen Wälder, auch uns zur Heimat geworden ist.

Die Geschichten waren durchaus nicht nur heiter. Mutter verschwieg auch nicht, daβ sie kein Verlangen danach hatte, den Franz zu heiraten und den Hof weiter zu führen, wie ihre Pflegemutter sich die Zukunft ihrer Ilse vorstellte. Manchmal weinte sie, wenn sie daran dachte, daβ ’Mama’ (Pauline Nowotsch, geborene Schneider, die ihre Tante und Pflegemutter war) so erbärmlich an ihr Ende gekommen ist.
Es geschah am 27. Januar 1945 am Straβenrand in Seehesten, dort wurde sie von einem russischen Soldaten erschossen. Unsere Mutter hat erst in den 50iger Jahren von Tante Ida (Kowalzik, geb. Schneider) vom Tod ihrer Mama und wie es dazu kam, erfahren.
Niemals ging mir aus dem Sinn, wie es unsere Mutter grämte, daβ sie ihrer Mama nie hat vergelten können, was diese ihr Gutes getan hat und was sie von ihr gelernt hatte.
„Wenn ich wenigstens ihr Grab pflegen könnte, einen Ort hätte, an dem ich ihr nahe bin“, sagte sie oft.

Pauline, die lieber Paula genannt wurde, war eine tüchtige Frau mit einem groβen Herzen, viel Lebensweisheit und praktischer Erfahrung, sie beschäftigt mich oft in Gedanken. Sie lebt in unserer Erinnerung fort, durch alle Erzählungen unserer Mutter hat sie ein Denkmal in unseren Herzen.
Paula lebte mit ihrem Ehemann, August Nowotsch auf einem kleinen Anwesen am Abbau in Dullen. Sie führten eine harmonische Ehe, die zwar aus ’Vernunftsgründen’ entstanden war, sich im Laufe der Jahre aber zu tiefer Liebe und Verbundenheit entwickelte. Paula arbeitete von früh bis spät auf dem Hof und dem Land. Sie hatte als junges Mädchen auf dem Gut Herzogsmühle die Hauswirtschaft und das Kochen gelernt. Später war sie ’Mamsell’ auf Gütern in der Uckermark und in Neubrandenburg. Paula hatte sogar Ansichtskarten, die die Familie von Manteuffel ihr aus der Sommerfrische geschickt hatten, so beliebt war ihre Kochkunst. In späteren Jahren kochte Paula, wenn in der Umgebung von Treuburg auf gröβeren Höfen Hochzeiten gefeiert wurde.
Sie war dann manchmal mehrere Tage abwesend, dann kochte Papa für die kleine Familie. Da gab’s dann einen Tag Kartoffelsupp’ und am nächsten Suppkartoffel...
Das Haus von Nowotsch wurde 1926 auf den Resten der vorigen Kate neu erbaut. Es war hellblau verputzt, mit einem roten Ziegeldach und einer Wasserpumpe, die sich in der Küche befand. Man brauchte also nicht mehr zum Wasserschöpfen an den Brunnen nach drauβen. Elektrisches Licht gab es dort weit draußen nicht, aber das Haus hatte eine Zentralheizung. Am Hoftor stand eine riesige Weide und rund um das Anwesen standen Birken. Die älteste Birke war vom Papa gefällt und zersägt worden. Die Bretter lagerten hinter dem Haus.
„Das wird einmal Dein Schlafzimmer, wenn Du heiratest, Ilse,“ sagte der Papa. Aber alles kam ganz anders.
Meine Idee, die Heimat meiner Mutter kennen zu lernen verwirklichte ich. Die Route von Lyck nach Treuburg, am Bahnhof vorbei, der noch so aussieht wie damals, und von da aus nach Dullen, ist traumhaft schön. Kurz vor dem Ziel biegt eine Straβe nach rechts ab, in Richtung Erlental. Ich reckte meinen Hals, denn das war die Richtung zum Elternhaus meiner Mutter.
Die Linden, die man auf den alten Fotos sieht, haben sich zu prächtigen Bäumen entwickelt. Wenn man unter diesen Linden steht und über den See schaut, sieht man gegenüber das Dörfchen Jesken. Die Häuser sehen aus der Ferne wie Spielzeug aus. Links am Seeufer steht noch ein altes Haus: die Holländerei. Ich weiß nicht warum dieses Haus so heiβt. Es ist eines der wenigen Häuser die noch stehen. Die Schule, welch ein Kindertraum, ist weg. Das Haus vom Lehrer Uschkoreit und sein schöner Garten mit den Stockrosen, die am Spalier standen, ist ebenso verschwunden. Die Post, Kulessas Haus, ist auch weg. Von Tante Ida’s Haus keine Spur mehr zu finden. Das Geländer der Brücke, worunter der ’Rasende Masur’ vorbeizuckelte, steht aber noch. Wo einst die Gleise lagen, ist heute Baumbestand.

Die Leute, die ich auf dieser Reise kennengelernt habe, sind mir so ans Herz gewachsen: Horst und Sonja Scharkovsky, die mich oft auf ihren Fahrten mitgenommen haben; ihre Mitreisende, die Patricia aus Hawai, die mit einem Treuburger verheiratet war. Ihr Mann Kurt war wenige Monate vor der Reise gestorben, aber Patricia wollte trotz tiefer Trauer das Land ihres Liebsten kennenlernen. Die Kempa’s waren da, der Max Lewohn mit dem scharfen Witz und seiner Mundharmonika, die Hilla, die Rosemarie, und Marion, die „ Abbauprinzessin“ wie Max sie neckisch nannte.
Jeder erzählte mir die eigene Geschichte und war voll Interesse an meiner; wir haben zusammen gelacht und geweint, gesungen und plachandert.

Mit einem geliehenen Fahrrad mache ich mich auf die Suche nach Mutters Vergangenheit, die für mich ein Teil meiner Kindheit ist. Eigentlich weiβ ich gar nicht genau, ob ich alles vorfinde. Eine Kiesgrube hat’s da gegeben, und die werde ich doch wohl finden. So ganz einfach ist es aber doch nicht, denn ich radle zu weit und bin schon beinahe in Erlental. Da steht an der linken Straβenseite am Ostrovsee ein alter Hof, umgeben von gelben Rapsfeldern. Pferde von kräftigem Wuchs, mit blonden Mähnen, stehen auf der Weide. Ein friedlicher Anblick, ich mache ein Foto. Eine alte Frau mit Kopftuch und einem Zinkeimer in der Hand kommt zum Vorschein. Sie stellt den Eimer ab und betrachtet mich. Dann winkt sie mir zu. Sie deutet mir, auf den Hof zu kommen und lotst mich in die Küche. Da ist es mollig warm. Drauβen ist es ziemlich frisch für diese Zeit des Jahres. Die Frau macht Tee und schiebt mir einen Teller mit Plätzchen hin. Sie spricht kein Deutsch und kein Englisch, ich spreche kein Polnisch. Aber wir sehen uns an, und es ist, als ob unsere Gedanken im Austausch sind. Ich mache mit der Hand einen Kreis in die Luft und frage: „Nowotsch?“ Sie schüttelt den Kopf. Ich frage: „Kowalzik?“ Sie schüttelt wiederum den Kopf, deutet auf den Fuβboden und antwortet: „Kowaletzky“. Ich zeige auf sie und male mit dem Zeigefinger ’1945’ auf den Tisch. Sie malt ’1946’ daneben. Ich zeige wieder auf sie und frage: „Warschau?“ Sie verneint und sagt: „Krakau.“ In diesem einen Wort liegt soviel Heimweh und Schmerz, daβ wir beide ein wenig weinen müssen.
Ich sehe mich in der Küche um und bewundere den alten Kachelofen. Einen ähnlichen muβ es bei meiner Mutter zuhause auch gegeben haben. Später höre ich von ihr, daβ Paula auf diesem Hof gekocht hat, als es dort eine Hochzeit gegeben hatte. Meine Mutter hatte den Hof auf dem ich mich hier befand, in guter Erinnerung.
Das Nachbarhaus von Biallas steht noch, mitsamt Stall und Scheune. Auf dem Dach der Scheune nisten die Störche. Zum ersten Mal in meinem Leben höre ich ihr Klappern; neben der verschlossenen Haustür steht ein altes Butterfaβ. Ich lege meine Hände um die Rundung des verblichenen Holzes.
Von Malinka’s Haus ist nichts mehr übrig geblieben auβer dem Eingang zum Keller. Ein duftender Meidorn steht jetzt dort.
Das Grundstück von Brozio ist umrahmt von blau blühendem Flieder. Zwischen dem Gestrüpp finde ich noch einen Teil der Treppe und ein Mäuerchen. Daneben eine Kastanie. „Ja, die stand neben dem Hauseingang,“ sagte mir Mutter später am Telefon.
In der Mitte zwischen Brozio und Biallas in einer Senke muβ Nowotsch’s Haus gestanden haben. Hier steht aber keine einzige Birke; verwilderte Obstbäume gibt’s dort, Erdbeeren ranken sich hügelaufwärts, und Sträucher mit Schneebeeren bilden eine undurchdringliche Hecke. Neben einem meterhohen, dicken Weidenstumpf ein viereckiger Tümpel. Am Rande dieser Wasserstelle liegen ein paar Wackersteine, die wohl zum Fundament des Hauses gehört haben. Auf dem Grundstück stehen Bienenstöcke, da steht ein Holzschuppen mit Imkergerätschaft neben einem kräftigen, weiβen Fliederbaum. „Wir waren die Einzigen mit weiβem Flieder“ hatte Mutter gesagt. An dieser Stelle habe ich mich unter den blauen Himmel gesetzt und den Wolken zugeschaut und ich fühlte mich auch ohne Dach über dem Kopf sehr, sehr zuhause.
Im Januar 1945 muβte meine Mutter mit den letzten Dorfbewohnern das Haus verlassen; das war ein Befehl des Ortsgruppenführers. Pferd und Wagen wurden mit Bettzeug, Fotos, Papieren und sonstigem Hausrat beladen. Auch das Kochbuch von Doennig und ihr dickes Heft mit Rezepten, handgeschriebenen in feinem Sütterlin, wird sie wohl eingepackt haben. Der Treck ging nach Seehesten bei Sensburg. Ihre Schwester Ida und deren Tochter Anneliese waren dabei. In Seehesten war man bei einem Groβbauern (namens Samland? oder Sonnabend?) am Rande des Dorfes untergebracht. Die Russen hatten den Treck bereits überrollt. Pauline wurde von einem russ. Soldaten erschossen, sie durfte nicht begraben werden, sie blieb am Wegesrand liegen.
Es zog mich irgendwie zum Friedhof Seehesten hin, der vom Kirchplatz aus zu sehen war. Hinter der Kirche sehe ich links ein hohes Holzkreuz, von Tannen umrahmt. Dahin gehe ich und finde ein einfaches Grab. Auf dem Kreuz eine Plakette: ’Massengrab Januar 1945’
Auf dem Grab liegt feuchter Torf, rundherum sind frische Zinnien gesetzt. Es rührt mich zutiefst, das die Menschen in Seehesten sich nicht nur um die eigenen Toten kümmern, sondern daβ milde Herzen sich erbarmen und auch dieses Grab pflegen, in dem unbekannte Tote liegen.
So viele Jahre liegt Pauline jetzt hier an diesem friedlichen Platz, endlich kommt jemand, der von ihr weiβ! Ach Paula, wie hättest du das gefunden, das Deine Groβnichte hier sitzt und erst mal eine Zigarette raucht, um sich zu beruhigen! Ach ich weiβ doch, hätten wir uns kennengelernt, dann hättest Du zwar geschimpft über meine ungesunde Leidenschaft, aber Du hättest Dich immer über meinen Besuch gefreut. Jetzt hole ich vom Friedhof ein leeres Glas und fülle es mit Feldblumen. Ich halte Andacht in der Form von stiller Zwiesprache. Du bist nicht vergessen und ich verspreche Dir, daβ ich wiederkomme und dann nicht allein.
Ich mache ein Foto für meine Mutter, die sich jetzt wenigstens eine Vorstellung machen kann
von dem Platz, an dem die körperliche Hülle von dieser kleinen, groβen Frau ruht.

Später habe ich am anderen Ende des Dorfes ein groβes, altes Bauernhaus gefunden. Weiträumige Stallungen, ein riesiger Obstgarten. Hier wäre Platz gewesen für die Trecks.
Ich stehe im Sonnenlicht, und mir ist, als sähe ich einen Film: eine Winterlandschaft mit Pferden und vielen Wagen und vielen Menschen- bekümmert und müde.

Im Jahr darauf fuhr ich mit meiner Schwester nach Dullen. Sie ist genauso begeistert von diesem Land wie ich. Wir tourten mit Rädern um den Treuburger See, wir schwommen in dem verschwiegenen grünen Waldsee ohne Namen, in dem unsere Mutter das Schwimmen gelernt hatte, wir paddelten im Kanu über den Dopker See und abends saβen wir auf unserem Balkon und konnten uns nicht satt sehen am silberglänzenden Wasser.

Unsere Mutter war am 17. Oktober 1944 zum letzten Mal in Dullen. Im Sommer 2004 genau sechzig Jahre später, hat sie sich ein Herz gefaβt, und ist, 82 jährig, mit ihren Töchtern in die Heimat gefahren.
Der erste Blick galt dem See. „Aus diesem See hat meine Mutter einmal ein Mädchen gerettet, die Friederike Hohendorf, (geboren am 02.02.1889 als Friederike Terrey). Das war im Winter, muβ ungefär um 1900 gewesen sein, als das Kind durch eine Wuhne ins Eis brach,“sagte unsere Mutter. „Alle anderen rannten fort, aber Pauline Schneider legte sich auf den Bauch und reichte Friederike die Hand. Sie rief die anderen zurück, um eine Kette zu bilden. Das geschah, und Friederike konnte die Geschichte nacherzählen.“ Ob ihre Nachkommen noch davon wissen?

Vieles sieht so ganz anders aus, als Mama es in Erinnerung hat: „alles verwaldet“ klingt ihr Kommentar, und: „ das Korn müβte längst gemäht sein.“ Beschwerlich ist der Feldweg der zum Hof führt, meine Schwester fährt den kleinen Peugeot wie ein Geländefahrer. Wenn wir anhalten, ist unsere alte Mutter wie ein geölter Blitz aus dem Gurt und aus dem Wagen, mit dem Stock eilt sie über die Äcker, auf der Suche nach alten Grenzwegen und nach den Steinen, die diese markiert haben.

Wir haben alle Stellen besucht, die Mama gern sehen wollte. Das Grab in Seehesten war natürlich von besonderer Bedeutung für uns drei. Hier standen wir nun, die Nachfahren von einem der drei Brüder Schneider, die aus dem Salzkammergut nach Masuren ausgewandert waren. Pauline hat noch Geschichten von ihnen zu erzählen gewuβt, obwohl es schon hundert Jahre vor ihrer Geburt gewesen war, daβ zwei der Brüder sich hier gefestigt hatten. Und wie Pauline unserer Mutter über die Familiengeschichte erzählt hatte, hat sie es an uns weitergegeben. Da sind es im besonderen die Schicksale der Frauen, die mich faszinieren, aber das ist eine andere Geschichte...

Die Schneiders sind im Masurischen begraben; kein Stein erinnert mehr an ihre Namen.
Im dichten Gestrüpp, das den Friedhof in Dullen überwuchert, suchten wir nach dem Grab vom herzensguten Pflegevater, von August Nowotsch. „Er wurde auf dem neuen Teil des Friedhofs begraben,“ erinnerte sich Mutter. „Neben seinem Grab stand eine groβe Birke. Ich konnte von dort aus über die Felder hinweg den Ostrovsee sehen. Damals dachte ich, diese Stelle werde ich immer wiederfinden, auch wenn kein Kreuz und kein Grabstein diese Stelle kennzeichnen.“
Heute ist Mutter sich nicht sicher: es sind so viele Birken dort, und den See kann man in der Ferne nur erahnen, weil man weiβ, daβ er da liegen muβ. Von Gräbern ist hier nichts mehr übrig geblieben. Aber hier gibt es eine Birke mit einem ganz besonders dickem Stamm. Immergrün rankt sich um unsere Schuhe.
Die Schneider-Urgroβeltern und eine ihrer Töchter, Christine, die so jung sterben muβte, sie liegen auf dem alten Teil des Friedhofs, dicht an der Straβe nach Erlental. Hier hatte ich 2001 schon nach Gräbern gesucht. Ich fand vereinzelte verwitterte Steine und Grabumrandungen. Ein einzelnes eisernes Kreuz ragte aus dem Gestrüpp - und welch ein Zufall, die Inschrift verwies auf einen ’Fr. Nowotsch geb. 18. Februar 1821 gest. 27 Mai 1876’ wohl Familie von unserem Papa Nowotsch. Und,– es war ein 27. Mai, an dem ich dort stand.

In Erlental steht noch der groβe Hof der einmal Wittkowski’s gehörte. An Reinhold erinnert Mutter sich gern, er hat sie manchmal nach dem Tanzen nach Hause gebracht; und ja, es war ein hübscher, liebenswerter Bursche.

Wir waren in Schwentainen, wo der Urgroβvater eine komplette Gastwirtschaft verspielt hat. (Er hatte eingeheiratet bei Thieβ und hat es mit deren Hab und Gut nicht weit gebracht...) Ob es wohl dieses Gasthaus gewesen ist, wo wir gerade jetzt sitzen und nach Suleiken herüberschauen?
Herzogsmühle, wo Pauline Mamsell war, ist auch nicht weit; aber Pauline, die von dort aus einmal im Monat zu Fuβ nach Dullen lief, wird anders darüber gedacht haben. Wir fahren den staubigen Weg über Nuβdorf mit unserem Autochen und wir haben immer wieder neue Fragen über die Familiengeschichte, mehr Einzelheiten kommen in Mutter’s Erinnerung auf. Da ist dann plötzlich die Rede von einem Maler, der morgens mit dem Fahrrad kam und auf dem höchsten Punkt ’unseres Berges’ (Ackerland von Nowotsch) seine Staffelei aufbaute und die Landschaft malte. Man hat von diesem Punkt aus, (beinahe 200 Meter hoch) eine wunderbare Aussicht: unter uns liegt in der Ferne zur Linken die Landstraβe, die am Friedhof vorbei nach Dullen führt. Hier oben hat Mutter auch oft gestanden, um Ausschau nach Pferd und Wagen zu halten, wenn die Eltern in Treuburg gewesen waren. Geradeaus sieht man den Ostrovsee schimmern, und zur Rechten kann man bis Erlental schauen, wo man auch heute noch das ziegelrote Dach der Dorfschule aus dem Grün der Bäume ragen sieht. „Oh Mama,“ sage ich, „wer weiβ, vielleicht hat noch jemand Gemälde in Besitz, die an dieser Stelle gemalt worden sind!“ Aber Mama weiβ den Namen des Malers nicht und weiβ auch nicht, woher er kam. Wer weiβ, vielleicht läβt sich in der Zukunft noch Einiges hierüber in Erfahrung bringen.

Viel zu schnell flog die Zeit vorbei. Unsere Mutter fühlte sich manchmal erschöpft von allen Eindrücken, aber im Grunde recht gut. Sie atmete immer ganz tief ein: “Es ist so eine gute Luft hier!“ Und wo Mutter Recht hat, hat sie Recht. Es verlangt einen immer wieder danach ‚dort zu sein’, die Augen wandern zu lassen, die Lungen ganz tief mit masurischer Luft zu füllen, und die Seele weit werden zu lassen. Nu ja doch, nächstes Jahr wieder!

Partner: Dessous